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Deutschland wollte mit schnell gebauten LNG-Terminals unabhängiger von russischem Gas werden. Zahlt sich die milliardenschwere Investition für die deutsche Energiesicherheit aus? Oder sind die Flüssiggasterminals Ergebnis einer politischen Fehlentscheidung?
Seit einigen Jahren sind sie Bestandteil der norddeutschen Küstenlandschaft. In der Nähe der beliebten Strandorte Binz auf Rügen oder dem niedersächsischen Hooksiel ankern derzeit riesige LNG-Schiffe, die Flüssiggas in das deutsche Gasnetz einspeisen. In Hooksiel, Stade und Brunsbüttel sind längst stationäre Terminals geplant oder schon im Bau. Ihre Mission: die deutsche Energieversorgung nach dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu sichern - und unabhängiger von russischem Gas zu werden. Im Eiltempo hatte seinerzeit die Bundesregierung den Bau und die Inbetriebnahme von Terminals vorangetrieben, an denen flüssiges Erdgas entladen wird. Im Dezember 2022 eröffneten Bundeskanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) das erste deutsche schwimmende LNG-Terminal in Hooksiel bei Wilhelmshaven. Kurz darauf folgten weitere.
Aber auf den schnellen Vorstoß folgte Protest: Auf Rügen fürchtet man seit Beginn der Planungen das Ende der idyllischen Strandbesuche im Seebad Binz, seitdem unweit im Hafen von Mukran das 283 Meter lange Regasifizierungsschiff „Neptune“ ankert. Thomas Kunstmann leistet mit seiner Bürgerinitiative Widerstand auf der Ostseeinsel. „Wir brauchen das Terminal nicht“, sagt er, denn das Terminal sei bislang kaum ausgelastet. Der private Betreiber des Terminals, die Deutsche ReGas, sieht nach dem Ausbleiben der Gaslieferungen aus Russland die Chance, Deutschlands Energieversorgung mitzustabilisieren. Seit Februar 2026 wird von dort auch direkt Gas in die Ukraine geliefert. Doch dem Unternehmen schlägt bei einem Bürgerdialog in Sassnitz vor allem Frust von aufgebrachten Anwohnerinnen und Anwohnern entgegen.
Die Debatte um Flüssiggas dreht sich dabei nicht nur um das norddeutsche Idyll: Wie ist der Import des fossilen Energieträgers, zu dem auch Fracking-Gas aus den USA zählt, in Einklang mit den Klimazielen zu bringen? Und bringt es eine neue Abhängigkeit von den USA? Warum leitet das erste LNG-Terminal in Wilhelmshaven am UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer Chlor in die Nordsee ein? Wie können sich die Terminals rechnen, wenn sie über Monate nur wenig ausgelastet sind?
Auf einer Reise entlang der norddeutschen Küste stellen die NDR Reporter Philipp Nöhr und Hannah Freitag die Frage, welchen Nutzen die Terminals im Spannungsfeld zwischen Energiesicherheit und hohen Kosten bringen - und wie sich die Geopolitik auf Norddeutschlands Küsten auswirkt.
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Personen
| von: | Philipp Nöhr, Hannah Freitag |