Interview Helene Bockhorst – „Für mich ist guter Humor, wenn man sich schon auch mit Sachen konfrontiert, die einem ein Unbehagen machen.“

Helene Bockhorst, preisgekrönte Autorin und Comedienne, verbindet mit ihrem aktuellen Soloprogramm „LEBEFRAU“ Humor mit Selbstreflexion und stellt sich unbequemen Fragen zu Rollenbildern, mentaler Gesundheit und gesellschaftlichen Erwartungen. Eine Mischung aus Witz, Tiefgang und Leichtigkeit auch in schwierigen Zeiten.

Helene Bockhorst

TVinfo: Gefällt dir der Begriff Comedian?

Helene Bockhorst: Ich finde den Begriff manchmal zu eng. Ich habe nichts dagegen, wenn man mich so bezeichnet. Aber ich finde es eigentlich schön, Kleinkünstlerin zu sein, weil ich versuche, ganz unterschiedliche Sachen einzubauen und nicht nur Witze zu erzählen.

TVinfo: Wie wichtig ist dir Sprache in deinem Programm?

Helene Bockhorst: Sehr wichtig. Ich suche häufig lange nach dem Wort, das am lustigsten ist oder was am besten in einem Satz wirkt. Das kann schon einen großen Unterschied machen, ob man so etwas sagt wie „herausfinden“ oder „herauskriegen“. „Herauskriegen“ ist viel brachialer. Es hat auch einen härteren Klang durch das „k“. Je nachdem, was man will an der Stelle, kann halt das eine oder das andere Wort besser sein.

TVinfo: Glaubst du, dass Humor ein Zeichen erhöhter Intelligenz ist?

Helene Bockhorst: Das glaube ich eigentlich nicht. Ich kenne auch Leute, bei denen ich sagen würde, die sind jetzt nicht in konventionellem Sinne intelligent. Trotzdem wissen die, wie man Zuschauer unterhält, die können auch gute Witze schreiben und haben da vielleicht eher so einen intuitiven Zugang, der mir, glaube ich, manchmal fehlt. Also ich glaube nicht, dass man intelligent sein muss, aber man muss schon häufig etwas wissen über die Welt und über den Kontext, in dem man sich bewegt.

TVinfo: Gibt es so etwas wie eine Wissenschaft vom Humor? Kann man Humor rational konstruieren?

Helene Bockhorst: Ich glaube schon. Man braucht im Kern eine Idee, was man selber lustig findet. Aber wie man das dann dem Publikum schmackhaft macht, da gibt es ganz viele Tricks. Auch bei Themen, wo ich so zuerst merke: Okay, das fällt jetzt ein bisschen schwer. Da kann ich häufig mit Handwerk dann im Laufe der Zeit noch relativ viel rausholen. Mit Rhythmus und Körpersprache signalisiert man wirklich deutlich, wo die lustige Stelle ist. Und klar, es gibt auch Tricks im Aufbau: Immer drei Sachen erzählen, und das dritte ist dann überraschend oder ist anders als die davor.

TVinfo: Optimierst du im Laufe eines Abends oder im Laufe einer Tour?

Helene Bockhorst: Im Laufe einer Tour. Eigentlich versuch ich aus jedem Abend irgendwas zu lernen. Ich setze mich auch jeden Abend noch mal hin und überlege: Was waren die Stellen, die sich gut angefühlt haben? Wo hatte ich ein Störgefühl, und woran hat das gelegen? Man kann es nicht immer genau rausfinden, aber manchmal ergibt sich dann halt doch über zwei, drei Shows so ein Bild, bei dem ich merke: Okay, bei dieser Szene fühle ich mich irgendwie unwohl. Da muss ich etwas machen. Und dann schreibe ich Sachen um oder schmeiß sie raus.

TVinfo: Ist Humor auch immer eine Konfrontationstherapie?

Helene Bockhorst: Für mich ist guter Humor, wenn man sich schon auch mit Sachen konfrontiert, die einem ein Unbehagen machen, die einem vielleicht peinlich sind oder die einen traurig gemacht haben. Das dann in Humor umzuwandeln, das ist eigentlich das, was mich reizt. Witzig zu sein, nur um witzig zu sein, das finde ich gar nicht so wahnsinnig reizvoll. Ich weiß, wie man einen Witz schreibt. Ich kann für neunzig Minuten Witze schreiben. Aber für mich wird es da interessant, wo ich Sachen erst mal gar nicht lustig finde oder wo ich das Gefühl habe, ich habe etwas überwunden und will davon berichten.

TVinfo: Ist Humor auch ein Schutzpanzer? Wenn man sich über sich selbst lustig gemacht hat, dann kann niemand anders sich mehr darüber lustig machen?

Helene Bockhorst: Das ist schon ein häufiger Mechanismus. Man sollte es damit aber nicht übertreiben, weil da auch eine kleine Zumutung drinsteckt. Man darf das Publikum auch stellenweise herausfordern und darf dann eben mal keinen Witz machen. Oder nicht den lautesten Witz zumindest, sondern ein bisschen Reibung erzeugen.

TVinfo: Du nutzt deine Bühnenzeit nicht nur für lustige Themen, sondern du platzierst auch nicht lustige Themen. Welche nicht lustigen Themen sind dir wichtig?

Helene Bockhorst: Da gibt es Vieles. Ganz wichtig ist mir Akzeptanz für psychische Erkrankungen, weil es eben so wahnsinnig verbreitet ist und in manchen Kontexten immer noch tabuisiert ist. Ich habe das Gefühl, in Unterhaltungsberufen ist es inzwischen relativ okay, dass man sowas hat. Aber damit schadet man ja auch niemandem. Im schlimmsten Fall, wenn ich nicht gut drauf bin, erzähle ich halt einen schlechten Witz oder habe ein bisschen weniger Energie oder so. Aber es haben auch viele Leute in wirklich verantwortungsvollen Positionen Depressionen oder haben eine posttraumatische Belastungsstörung. Und die geben trotzdem ihr Bestes und sorgen dafür, Sichtbarkeit und Akzeptanz zu schaffen. Da ist, glaube ich, noch recht viel zu tun in unserer Gesellschaft.

TVinfo: Wie ist die Rückmeldung im Publikum, wenn du ihnen ein wirklich hartes Thema zumutest?

Helene Bockhorst: Unterschiedlich. Ich merke, dass es eigentlich immer respektvoll aufgenommen wird. Dass dann Stille entsteht. Es hat noch nie jemand absichtlich in so einem Fall gestört. Ich merke aber schon, dass es manche Leute schlecht aushalten können. Sie können auch mit Stille schlecht umgehen, werden ein bisschen unruhig, nesteln irgendwie herum. Es ist auch schon vorgekommen, dass Leute geweint haben. Viele wissen das auch zu schätzen und bedanken sich sogar dafür, dass sie das so erleben konnten, weil manche Leute ja auch gar nicht mehr weinen können. Die sind froh, wenn sie überhaupt mal etwas spüren können. Und wenn man weint, dann werden ja auch Hormone ausgeschüttet, die einen so ein bisschen trösten. Also man fühlt sich ja häufig erleichtert, nachdem man geweint hat. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass Leute das nicht gut fanden und dann sich hinterher beschwert haben, dass sie weinen mussten. Und das tut mir natürlich auch leid. Aber ich bin auch nicht bereit, darauf zu verzichten. Für mich ist es auch ein Teil vom Leben und ein wichtiger Teil. Und wenn man jetzt erwarten würde, dass ich nur Witze erzähle, das käme mir so ein bisschen vor wie Gefühlsprostitution.

TVinfo: Wie wichtig ist dir das Gemeinschaftsgefühl deines Publikums, wenn du auf der Bühne steht?

Helene Bockhorst: Ich finde das ganz toll. Ich kriege häufig mit, dass da fast so etwas wie Freundschaften entstehen von Leuten, die einfach jedes Jahr in meine Show gehen und sich dann wiedersehen. Auch teilweise ältere Leute. Auch Leute, die sich in meiner Kommentarspalte kennengelernt haben und sich dann auf meiner Show verabreden, in der Pause etwas zusammen zu trinken. Dieses soziale Miteinander finde ich total wichtig. Das kann, online irgendwelche Ausschnitte zu posten, nie ersetzen. Und ich bin eben auch nur ein ganz kleiner Teil von so einem Abend. Die Leute sind ja teilweise schon ein oder zwei Stunden vorher da. Die reden, die trinken, die essen. Die machen sich den Abend schön. Ich bringe dann, wenn es gut läuft, noch ein Sahnehäubchen. Ich habe einfach ganz tolle Leute im Publikum, die aufeinander zugehen und nett miteinander umgehen.

TVinfo: Kann jemand, der besonders humorvoll ist, Trauer besonders tief empfinden?

Helene Bockhorst: Das kann ich schwer einschätzen. Ich kann nur sagen, wie es bei mir ist. Eine Zeit lang war ich sehr extrem in meinen Schwankungen. Phasenweise ging es mir extrem schlecht, dann wieder extrem gut. Inzwischen ist es ein bisschen ausgeglichener geworden. Oder ich habe eine andere Perspektive darauf gefunden, so dass ich mich von Gefühlen nicht immer so mitnehmen lasse, sondern eher denke: Das wird jetzt heute in diesem Theater gespielt, und morgen kommt vielleicht ein anderes Stück.

TVinfo: Du forderst dein Publikum auf, dir seine Probleme zu schreiben. Erwartet dein Publikum, dass du darauf lustig reagierst?

Helene Bockhorst: Ich glaube, dass es manchmal helfen kann, eine überraschende Perspektive oder ein Detail aus einem Problem rauszupicken. Wenn man ein Problem hat, dann kreist man ja häufig darum und hat häufig dieselben Gedankengänge dazu. Wenn dann jemand von außen kommt und irgendwas dazu sagt, was man noch nicht gedacht hat, dann kann das einen ja manchmal schon ein bisschen rausholen aus dieser Gedankenspirale. Und ich sage ja auch extra vorher, man soll nur etwas aufschreiben, wenn es okay ist, dass ich was Lustiges darüber sage. Weil ich eben nicht möchte, dass Leute da ihr Herz ausschütten und dann ganz enttäuscht sind und das Gefühl haben: Oh, die hat sich über mein Problem lustig gemacht. So ist es halt nicht gemeint von mir, sondern eher: Hey, man kann auch so einen leichtfüßigen Blick darauf haben. Aber klar ist es auch einfacher, wenn man nicht betroffen ist. Und bei so wirklich gravierenden gesellschaftlichen Problemen kann Humor halt auch nicht die Lösung sein, sondern manche Sachen müssen auch wehtun und müssen als Problem erkennbar bleiben. Da kann man nicht mal eben so was drüber schmieren und sagen, so jetzt lachen wir alle drüber.

TVinfo: Welche Themen sind dir politisch wichtig?

Helene Bockhorst: Ich würde es schon gut finden, wenn keine Nazis an die Macht kommen. Und ich habe auch bei der letzten Wahl versucht, zumindest so ein bisschen zur Wahlbeteiligung aufzurufen. Ich bilde mir nicht ein, irgendjemanden umstimmen zu können oder so. Aber ich glaube halt, dass die meisten von meinen Zuschauern oder Leuten, die sich für diese Art von Kunst interessieren, schon eine demokratische Partei wählen würden und dass dann viel gewonnen ist, wenn sich ein paar mehr aufraffen können, wählen zu gehen. Und was das Gesundheitssystem angeht, ist für die Versorgung von psychischen Erkrankungen politisch noch total viel zu tun. Es kommt mir manchmal ein bisschen heuchlerisch vor, wenn ich sage: Alle sollten Therapie machen, das ist so schön, das hilft so gut, es gibt Hoffnung und es gibt Hilfe. Aber wenn jemand dann motiviert losgeht und zwei Jahre auf den Therapieplatz warten muss, das ist einfach scheiße.

Helene Bockhorst

TVinfo: Bist du Feministin?

Helene Bockhorst: Ich bin in den letzten Jahren feministischer geworden. Ganz am Anfang meiner Comedykarriere, da habe ich manchmal gedacht: Ach, was stellen die sich denn alle so an. Männer sind doch voll nett. Stimmt auch. Es gibt viele ganz tolle Männer. Ich habe natürlich in meinem Umfeld, das ich persönlich kuratiert habe, super tolle Männer. Aber je mehr ich in der Welt herumkomme, je mehr ich auch alleine auf Tour bin, merke ich: Männer sind auch wirklich oft furchtbar, und es hat auch System, auf so eine bestimmte Art mit Frauen umzugehen. Da erkennt man dann Muster, und da bin ich zunehmend feministischer geworden. Phasenweise muss ich auch aufpassen, dass es nicht in Männerhass abdreht.

TVinfo: Sind Frauen psychisch stärker als Männer?

Helene Bockhorst: Ich glaube eigentlich nicht. Aber so, wie unsere Gesellschaft jetzt noch ist, regulieren sich Frauen viel über Freundschaften, reden mit ihren Freundinnen über Probleme. Frauen tun sich auch ein bisschen leichter, in Therapie zu gehen. Bei Männern – nicht bei allen – gibt es Gruppen, die sich treffen, um Sport anzugucken oder um Bier zu trinken. Und vielleicht sagt einer mal im Nebensatz: Meine Frau hat mich verlassen. Aber das wird dann nicht groß hinterfragt oder aufgearbeitet. Ist jetzt mein Eindruck als Außenstehende. Und ich glaube, dass sich dadurch bei Männern eher etwas anstaut. Wenn das dann rausbricht, ist es halt schlimm. Dann machen die irgendwas Krasses. Männer begehen häufiger Suizid oder Gewalttaten. Ich denke, das hängt schon damit zusammen, dass Männer sich nicht auf so einer regelmäßigen Ebene emotional regulieren. Bei vielen Männern ist ja auch die Partnerin oder der Partner das emotionale Ventil. Wenn die Person sich dann trennt, mit wem redet man denn dann?

TVinfo: Setzt du dich noch immer für das bedingungslose Grundeinkommen ein?

Helene Bockhorst: Ja, ich bin immer noch dafür und glaube immer noch, dass das eine gute Idee wäre. Ich glaube auch, dass wir da langfristig gar nicht drum herumkommen werden. Immer mehr Berufe werden ersetzt durch KI oder Automaten. Und ich glaube, dass es besser wäre, diesen ganzen Regelungs- und Sanktionsapparat einzusparen. Es kriegen einfach alle einen gewissen Sockelbetrag.

TVinfo: Wie optimistisch bist du, dass sich genügend politische Kraft findet, das durchzusetzen?

Helene Bockhorst: Was die Kommunikation angeht, gibt es noch wirklich viel zu lernen und ganz viel Nachholbedarf. Die Mehrheit der Leute überschätzt ihren eigenen sozialen Status total. Sie denken, sie wären näher dran an den Superreichen. Oder sie hätten die Chance, auch irgendwann so jemand zu werden, wenn sie nur ganz hart arbeiten. Bis dieses Märchen überwunden ist, das wird noch ganz lange dauern. Und so lange wird halt auch jemand, der nur ein, zwei Gehälter von wirklich ernsten Problemen oder Obdachlosigkeit entfernt ist, noch denken: Die Linken wollen mir hier mein Geld wegnehmen, das ich mir sauer erarbeitet habe. Da gibt es wirklich viel zu tun. Aber wenn ich mir die Wahlplakate so angucke, dann habe ich aktuell nicht so viel Hoffnung.

TVinfo: Es gibt das Sprichwort, wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. Gilt das auch ähnlich auch für Humor?

Helene Bockhorst: Ich glaube, ich kann auf keinen Fall mit jemandem lachen, wenn ich bei ihm ein komisches Gefühl habe. Man kriegt das auch manchmal in unserem Geschäft mit, dass Leute garstig zur Garderobiere oder zur Maskenbildnerin sind. Wenn ich so etwas mitkriege, dann habe ich, wenn ich danach den Auftritt sehe, schon ein Störgefühl und kann nicht mitlachen. Aber ob das jetzt böse Menschen sind? Ich weiß nicht.

TVinfo: Können Diktatoren nicht über sich lachen?

Helene Bockhorst: Ich könnte mir vorstellen, dass das so ist. Um über sich lachen zu können, muss man auch ein bisschen uneitel sein oder etwas nicht als demütigend empfinden. Man muss sich ein Stück weit auch von seinem Ego verabschieden. Die Sachen so ein bisschen spielerisch sehen und denken: Ach, es geht hier um nichts, dann lacht halt jemand über mich, dann denkt halt jemand irgendwie etwas Komisches von mir. Diktatoren haben ja häufig ein ganz striktes, ein ganz starres Bild von sich selber. Es gibt ja teilweise dann nur einzelne Fotos oder Gemälde, die verwendet werden dürfen. Und das zeigt ja schon: Ich will die Kontrolle, ich will ganz genau bestimmen, wie ich gesehen werde. In dem Moment, in dem jemand einen Witz macht, ist es ja auch ein kleiner Kontrollverlust. Entweder lachen die Leute oder sie lachen nicht. Auch wenn man jemanden eine Waffe vorhält, kann man kein authentisches Lachen aus jemandem rauszwingen.

TVinfo: Dann müsste man nur Leute wählen, die über sich selber lachen können, und verhindert so mit Sicherheit Diktatoren?

Helene Bockhorst: Das stimmt! Vielleicht müsste man im Wahlkampf einfach so ein Duell veranstalten, in dem jeder Witze macht. Die Zuschauer entscheiden per Applausabstimmung. Es wäre wahrscheinlich nicht die schlechteste Idee.

TVinfo: Helene Bockhorst, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Markus Pins im Februar 2026 in Düsseldorf.

Fotos: Floria Pins

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