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Bernd Zillmann hängt an der Kette, und er hängt sich richtig rein. Fünf Meter schwebt er über dem Boden. In der riesigen Halle kreischen die Trennschleifer, die Kräne machen Alarm, es riecht nach Feuer und nach Schwefel. Zillmann rangiert einen runden, grau gestrichenen Klotz mit Löchern, Griffen und Ausbuchtungen, rund 30 Tonnen schwer: den Kern. Der muss ganz genau in die Form passen, über der er schwebt, und deshalb hängt Zillmann sich in die Ketten. Ganz langsam senkt sich der massige Kern in den Kasten - Millimeterarbeit.
Bernd Zillmann ist 58 und hat schon einiges hinter sich: Er hat am Schmelzofen gestanden und mit einer Handpfanne das glühende Eisen in kleine Formen gegossen. Er hat die kochend heißen Teile ausgepackt, kaum dass das Eisen fest geworden war. Er hat in der Handformerei gearbeitet. Irgendwann in den 1970er-Jahren hat er eine Lehre gemacht in der Eisengießerei in Torgelow. Er war dabei, als der Betrieb noch 2000 Mitarbeitende hatte. Er hat die Pleiten und Insolvenzen der 1990er-Jahre erlebt. Irgendwann hat es auch ihn erwischt. Seit 1994 war er arbeitslos und hat sich nicht mehr viel ausgerechnet.
Doch er ist wieder dabei. Sie haben Zillmann zurückgeholt, denn in Torgelow ereignet sich ein kleines Wirtschaftswunder. Und das ausgerechnet in einem Betrieb, der einen so altmodischen Ruf hat wie nur wenige Unternehmen der „old economy“. Eine Eisengießerei, das ist Ruhrgebiet in den 1960er-Jahren. Handarbeit, jede Form muss einzeln gebaut und gegossen werden. Keine Rede von Prozessautomatisierung und anderen Zauberwörtern. So etwas kann in Polen profitabel sein, denkt man, oder in China. Aber nicht in Deutschland.
Hermann Josef Taterra sieht das anders. Als er Geschäftsführer wurde in Torgelow, hatte die Gießerei gerade noch 60 Mitarbeitende und einen Umsatz von sechs Millionen Euro. Taterra hat die Arbeitsabläufe optimiert, er hat neue Kundschaft gewonnen, lässt in der Gießerei vor allem große Teile herstellen: Naben für Windräder, Grundrahmen und Gehäuse für Schiffsdiesel. Seitdem können sie sich vor Aufträgen kaum retten. In Torgelow arbeiten zu dieser Zeit knapp 300 Menschen und machen einen Umsatz von 42 Millionen Euro. Ende des Folgejahres sollen es schon 400 Mitarbeitende sein - bei einem Umsatz von 80 Millionen. Aus der großindustriellen Vergangenheit hat sich die Torgelower Eisengießerei mit atemberaubender Geschwindigkeit ins 21. Jahrhundert katapultiert.
NDR Autor Kai Voigtländer beobachtet in seiner Reportage, wie die erfahrenen Gießer und die neuen, angelernten Mitarbeitenden, wie die Manager und die Schichtleiter mit dieser Herausforderung umgehen.
Erstsendung: 05.03.2007
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