Interview Negah Amiri – „Es ist genau die richtige Zeit, um immer wieder sich selbst und die Arbeit, die man macht, zu hinterfragen.“

Negah Amiri ist eine deutsch-iranische Stand-up-Comedienne und Moderatorin, die mit ihrem authentischen Humor und ihrer schlagfertigen Art zu den bekanntesten Nachwuchstalenten der deutschen Comedy-Szene zählt. Für ihre Leistungen wurde sie 2023 mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet.

Negah Amiri

TVinfo: Ist es aktuell möglich, eine Comedienne zu sein, ohne Aktivistin zu werden?

Negah Amiri: Es ist genau die richtige Zeit, um immer wieder sich selbst und die Arbeit, die man macht, zu hinterfragen. Und die Sinnhaftigkeit dahinter. Ich habe in der aktuellen Situation für mich festgestellt, dass es nicht mehr reicht, nur lustig zu sein. Wenn ich die Comedy-Plattform habe, will ich sie auch nutzen. Für wichtige und richtige Dinge. Dass so viel gerade auf der Welt schiefläuft, das kann man einfach nicht weg ignorieren. Das geht nicht. Wir können nicht mehr alle einfach wegschauen und denken: Das gibt es alles nicht. Dafür läuft einfach zu viel schief.

TVinfo: Deine Lebensgeschichte wird von Jahr zu Jahr politischer. Wie freiwillig ist die Entscheidung gewesen?

Negah Amiri: Ich bin politisch geworden, als Jina Amini 2022 im Iran ermordet wurde. Da habe ich gemerkt, dass eine Stimme in mir laut geworden ist, die ich jahrelang ignoriert habe. Es war nicht so, dass ich mich dazu gezwungen gefühlt habe, sondern es kam, weil dadurch viele Schmerzen, die ich selbst als Jugendliche erfahren hatte, hochgekommen sind und ich mir gedacht habe: Ich hätte diese Person sein können. Meine Mutter hätte diese Person sein können. Diese Freiheit, die wir in Deutschland haben, ist nicht selbstverständlich und ich sehe es als meine Aufgabe, darauf aufmerksam zu machen.

TVinfo: Was war der Grund für diese Schmerzen in deiner Jugend?

Negah Amiri: Die Flucht damals aus dem Iran nach Deutschland war eine politische Entscheidung meiner Mutter. Sie hat gesagt: Ich will nicht, dass meine Tochter gezwungen ist, ein Leben zu führen, was ich für sie nicht möchte. Und was sie selbst auch nicht möchte. Der größte Schmerz meines Lebens war, dass ich dafür so weit von meiner Heimat entfernt sein muss. Und das ist ganz eng mit dieser Politik verbunden. Ich konnte zwar immer drum herumreden. Aber der Schmerz ist einfach zu tief, um davor wegzurennen.

Ich glaube, selbst als ich noch nicht über Politik gesprochen habe, war ich schon politisch. Für mich ist es schon ein Statement, in ein fremdes Land zu fliehen. Es ist schon ein Statement, die Sprache nicht zu sprechen und ganz weit weg von zu Hause zu sein. Die Freiheit, auf die Bühne zu gehen, ist ein Privileg.

TVinfo: Deine Mutter hat damals eine sehr mutige Entscheidung getroffen…

Negah Amiri: Als sie damals die Entscheidung getroffen hat, kam sie aus wohlhabenden Verhältnissen. Sie hat es definitiv einfacher gehabt im Iran. Aber sie hat trotzdem gesehen, wie ich aus der Schule kam, ein Freigeist, schon immer künstlerisch angehaucht und ich habe dann irgendwann nach der Schule mein Kopftuch ausgezogen. Genau da hat sie ihre sieben Sachen zusammengepackt und ist mit mir hierhin. Wobei ich immer betone: Es geht nicht um das Kopftuch, sondern um die Freiheit, dass jede Frau selbst entscheiden kann, ob sie eins tragen möchte oder nicht. Und da hat meine Mutter gesagt: Ich will nicht, dass meine Tochter später nicht selbst entscheiden kann, ob sie eins möchte. Sehr, sehr mutig.

Und zum Thema Frauen, die im Iran sind: Ich bewundere auch ihren Mut. Zu wissen, dass du umgebracht werden kannst. Zu wissen, dass du ins Gefängnis kommen kannst. Aber dann trotzdem die Entscheidung zu treffen: Ich gehe für meine Rechte auf die Straße. Ich kämpfe, weil die Angst davor, für immer gefangen zu sein, viel, viel größer ist als alles andere. Das ist einfach eine sehr, sehr mutige Entscheidung.

TVinfo: Dein Beruf ist es, Menschen zum Lachen zu bringen. Gibt es im Iran überhaupt noch irgendetwas zu lachen?

Negah Amiri: Ich muss sagen, die Menschen im Iran sind sehr, sehr humorvolle Menschen. Ich weiß nicht, wie es jetzt aktuell ist, weil ich einfach nicht da bin und ich die Situation vor Ort nicht einschätzen kann. Ich glaube, der Schmerz ist gerade viel zu groß. Da ist so eine tiefe Trauer aktuell über alles, was in den letzten Monaten passiert und geschehen ist. Ich weiß nicht, ob der Humor noch genauso da ist, wie ich es in Erinnerung habe. Ich kann nur über der Situation sprechen, als ich noch da war: Mein Vater hat immer gelacht. In den schlimmsten Situationen hat er immer einen Witz gefunden. Ich glaube, so reagieren einfach manche Menschen, die viel Leid ertragen mussten. Da, wo die meiste Tragik und der größte Schmerz ist, da ist auch Komödie.

TVinfo: Kann deine Mutter im Moment noch lachen?

Negah Amiri: Meine Mutter ist auch sehr humorvoll. Aber in Anbetracht der aktuellen Situation in der Heimat gibt es gerade nicht viel zu lachen, sondern eher sehr, sehr viel Hoffnungslosigkeit. Ja, ich hoffe, dass es sich irgendwann ändert und dass der Humor wieder zurückkehrt.

TVinfo: Und wie ist die Situation der Männer im Iran?

Negah Amiri: Die große Masse der Menschen im Iran, ob Frau, Mann, Kind, Oma Opa, sehnen sich einfach nach Befreiung. Das ist diese tiefe Sehnsucht nach Befreiung von den Mullahs. Alle haben Hunger. Es ist halt gerade nicht nur der Freiheitsaspekt, sondern durch die schlimme wirtschaftliche Lage haben die Menschen kein Essen und Trinken mehr. Alles, was sie brauchen, ist ein Umschwung. Freiheit. Perspektive. Sowohl Männern als auch Frauen fehlt einfach die Perspektive im Iran. Sie wissen nicht, wie sie die nächsten zehn Jahre Leben sollen. Sie sind wie in einem Riesen-Gefängnis.

TVinfo: Wie ist das Geschlechterverhältnis in deinem Publikum?

Negah Amiri: Mein Publikum ist durchmischt, was ich ganz ganz toll finde. Ich habe ältere Menschen, ich habe jüngere Personen. Ich habe männliche und weibliche Fans. Es sind ganz, ganz viele verschiedene Menschen, die in einem Raum zusammenkommen. Was mich sehr freut, weil ich Verbindungen schaffen möchte. Im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, dass mir das ganz besonders Spaß macht. Auch interkulturelle Geschichten können sehr verbinden. Gerade in der heutigen Zeit, in der so vieles verunsichert und so viel Angst geschürt wird und Anders-sein als Schwäche verstanden wird, finde ich es wichtig, entgegenzuwirken und zu sagen: Hey, wir sitzen alle irgendwie im selben Boot und unsere Unterschiede können auch sehr lustig und bestärkend sein.

TVinfo: A propos Verbindungen: Du thematisierst in deinem Programm häufiger Beziehungsthemen. Hast du den Eindruck, dass es gerade leichter wird, den Partner fürs Leben zu finden oder schwierigier?

Negah Amiri: Ich glaube, nach Corona ist es wieder ein bisschen leichter geworden. Menschen gehen Beziehungen ein, weil sie in dieser Zeit gemerkt haben, wie wichtig diese zwischenmenschliche Ebene ist. Dass man nicht nur irgendwie allein durchs Leben gehen kann. Aber auch zu den Singles, die sich bewusst dafür entscheiden, sag ich immer: Go for it! Ist ja auch eure Entscheidung, und es gibt Menschen, die sagen: Ich will gar keinen Partner, und das ist auch völlig verständlich.

TVinfo: Ist dein Bühnenprogramm auch ein bisschen Lebenshilfe in Beziehungsfragen?

Negah Amiri: Das Thema interessiert ja viele. Vielleicht bringt es auch ein bisschen mehr Leichtigkeit ins Programm. Also wenn die Mädels und Jungs da draußen Tipps brauchen: Ihr könnt mich jederzeit ansprechen! Ich bin privat eine kleine Hobby-Kupplerin.

TVinfo: Gibt es irgendein Thema, das du auf gar keinen Fall auf die Bühne bringen wirst?

Negah Amiri: Da gibt es immer noch Grenzen. Ich würde zum Beispiel nie über Randgruppen diskriminierende Gags machen. Aber sonst gibt es keine Themen, bei denen ich ein Tabu sehe.

TVinfo: Du trittst bei deinen Auftritten in intensive Interaktion mit deinem Publikum. Das ist ja auch riskant.

Negah Amiri: Riskant nicht, aber ich habe so eine blöde Angewohnheit: Wenn ich nervös bin, sage ich sehr oft: „Schön, schön!“ Da gab es eine Situation, in der ein Mann im Publikum sagt: „Ich bin seit 50 Jahren Single, hab nie eine Frau gehabt und fühle mich total einsam.“ Und ich steh dann da und sag: „Schön, schön!“ Das sind dann so peinliche Momente.

TVinfo: Zum Schluss haben wir noch drei Vervollständigungssätze: Falls ich für einen Tag mit einem Menschen meiner Wahl die Rolle tauschen könnte, dann wäre das…

Negah Amiri: Angela Merkel.

TVinfo: Wenn ich meinem zehnjährigen Ich etwas hätte sagen könnte, dann wäre das...

Negah Amiri: „Wir schaffen das!“

TVinfo: Ich wechsle in die Politik, sobald…

Negah Amiri: Ich die Chance habe, Bundeskanzlerin zu werden.

TVinfo: Negah Amiri, wir danken für das Gespräch!

Das Gespräch führte Markus Pins im Mai in Leverkusen.

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