TVinfo hat Achim Berg, den Vorsitzenden der Geschäftsführung Microsoft Deutschland und Vizepräsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM), zu den langfristigen Trends hinter den aktuellen Entwicklungen interviewt.
TVinfo: Der IT-Verband Bitkom, dessen Vize-Präsident Sie sind, hat kürzlich eine Umfrage zu IP-TV unterstützt, in der ein Anstieg der Video-on-Demand-Nutzung erst ab 2012 prognostiziert wird. Warum erst so spät?
Achim Berg: Zurzeit spielt sich die Video-on-Demand-Nutzung häufig noch im Arbeitszimmer oder in der Computerecke ab. Durch Technologien wie IPTV oder Hybrid TV werden die Karten gerade neu gemischt. Dadurch wird der Fernseher im Wohnzimmer immer mehr zum Schaufenster auf bewegte Bilder, Videos und Spielfilme, die über das IP-Signal per Knopfdruck zur Verfügung stehen. Weg vom orientierungslosen Zappen im vorgegebenen linearen Fernsehtrott, hin zur aktiven und flexiblen Gestaltung des eigenen Fernsehprogramms. Damit werden auch Bevölkerungsgruppen erreicht, für die "On Demand" derzeit noch gleichbedeutend mit dem Fußweg in die Videothek ist. Das fängt jetzt an und wird in den nächsten Jahren seinen Durchbruch finden.
TVinfo: In einer anderen Bitkom-Studie wird der sprunghafte Zuwachs der Computerspiel-Nutzung beschrieben. Sind Computerspiele möglicherweise heimlich ein viel größerer Konkurrent für das klassische Fernsehen als Videoplattformen?
Achim Berg: Na ja, ganz so heimlich ist die Entwicklung nicht! Allein in Deutschland gibt es inzwischen 21 Millionen Bundesbürger, die am PC, auf der Konsole oder dem Handy spielen. Damit nutzt gut jeder vierte Bundesbürger über 14 Jahren digitale Spiele. Selbst unter den Menschen über 50 Jahren spielen inzwischen elf Prozent. Das sind zwar noch nicht die Zahlen des klassischen Fernsehens - aber klar ist: Computerspiele sind eine Wachstumsbranche, der klassische Fernsehkonsum stagniert dagegen auf hohem Niveau. Bei der jüngeren Generation liegt das Fernsehen bereits hinter PC und Internet. Damit sind Spiele natürlich ein Konkurrent, um das Wertvollste was Menschen zu vergeben haben: Aufmerksamkeit - mit allen wirtschaftlichen Fragen, die daran hängen!
TVinfo: Reagiert das mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Microsoft Project Natal auf diese Diagnose?
Achim Berg: Das Project Natal bedeutet in der Tat eine Revolution für das Spielerlebnis und wird damit auch ganz neue Zielgruppen begeistern. Menschen können nur mit ihrem Körper, mit Mimik und Gestik ein Spiel steuern. Eine spezielle Kamera in Kombination mit moderner Software nimmt den Spieler körperlich wahr und überträgt seine Bewegung in Echtzeit in das laufende Spiel. Das Project Natal hat das Potential die intuitive Steuerung von Displays und Bildschirmen aller Art und Größe zu verändern.
TVinfo: Liegt aus der Microsoft-Perspektive die Zukunft im Wohnzimmer beim Windows Media Center auf dem PC oder bei der XBox?
Achim Berg: Ganz klar auf beiden, weil wir damit unterschiedlich Ziel- und derzeit auch Altersgruppen ansprechen. Beide Angebote sind hervorragend für Musik oder Videoentertainment geeignet, aber jede Lösung hat zusätzliche Stärken.
TVinfo: Übermäßiger Fernsehkonsum steht nicht unbedingt im Ruf, die Intelligenz zu fördern. Ist das bei Computernutzung in der Freizeit wirklich anders?
Achim Berg: Eigentlich steckt die Antwort schon in Ihrer Frage: Jedes Übermaß ist schädlich! Das gilt nicht nur für Fernsehen oder Computer. Viel wichtiger ist die Frage: Wie lernen Menschen den kompetenten Umgang mit einem Medium oder einem Werkzeug wie dem Computer. Hier haben wir bei Microsoft mit einer ganzen Reihe von Partnern die Initiative "IT-Fitness" ins Leben gerufen. Das Ziel ist es in Deutschland bis 2010 rund vier Millionen Menschen fit im Umgang mit Computer und Internet zu machen. Denn obwohl mittlerweile in fast jedem Haushalt ein Computer oder Laptop steht, und gerade junge Menschen den Dreikampf "Surfen- Chatten-Spielen" aus dem Eff Eff beherrschen, hapert es oft noch am produktiven Umgang mit Programmen für Textverarbeitung, Kalkulationen und anderen berufsqualifizierenden Kenntnissen. Denn klar ist: Spätestens beim Übergang ins Berufsleben entscheidet die intelligente Nutzung des Computers auch über berufliche Perspektiven.
TVinfo: Was tut Microsoft, damit der Computernutzer nicht nur Anwender bzw. Zuschauer ist?
Achim Berg: Nun zunächst gibt es für mich einen Unterschied zwischen Anwender und Zuschauer! Das eine steht für Aktivität, das andere für Rezeption. Beides hat in unserem Alltag seinen Platz. Darüber hinaus ist der Computer aber auch ein Werkzeug, das Kreativität und Kommunikation im privaten wie im beruflichen Leben fördern kann…
TVinfo: … aber selbst beim Computer-Animationsstudio Pixar ist der Bleistift als Kreativ-Instrument unverzichtbar. Strukturiert Computersoftware nicht das Denken vor und behindert damit Kreativität?
Achim Berg: Ich finde der Vergleich hinkt ein wenig: Denn auch der Bleistift ist lediglich ein Werkzeug. Damit lassen sich wunderbare Dinge schaffen. Man kann aber auch darauf rumkauen, keine Idee haben und schreibt am Ende vom Sitznachbarn ab. Ähnliche Flauten kann es sicherlich auch vor einem leeren Word-Dokument geben. Entscheidend bleibt der kreative Kopf - und der sitzt auf den Schultern und nicht im Rechner. Aber Computer und Software können uns kreative Arbeit enorm erleichtern. Sie möchten doch nicht ernsthaft ihre Diplomarbeit oder ihren Geschäftsbericht mit dem Bleistift vorschreiben? Die Stärke des Computers ist, dass er uns Freiräume schafft: zeitlich und inhaltlich. Ganz aktuell erleben wir beispielsweise eine stille Revolution, wie wir künftig mit einander arbeiten und kommunizieren. Instant Messaging, spontane Videokonferenzen, das gleichzeitige Arbeiten an Dokumenten zu jeder Zeit, über Städte und Standorte hinweg - all das fördert Zusammenarbeit und damit kreativen Austausch im beruflichen wie im privaten Umfeld. Und um noch ein kleines Beispiel zu nennen: Bingen Sie mal nach "Songsmith". Dieses Programm macht es möglich, dass sie eine frei erfundene Melodie einsingen und dann eine passende Bandbegleitung erhalten. Eine Chance für alle Nichtinstrumentalisten auch mal musikalisch kreativ zu werden.
TVinfo: Beim Beispiel "Songsmith" ist der Nutzer doch wieder nur Anwender. Wo ist denn der kreative Entwickler, der beispielsweise seine eigene Software schreibt? Bleibt ihm nur die Flucht in die Open Source Community?
Achim Berg: Da kann ich Sie in mehrfacher Hinsicht beruhigen. Wenn Sie jetzt spontan eine eigene Melodie singen sollten, dann sind sie kreativ - unabhängig vom musikalischen Ergebnis! Was die Entwickler angeht: Allein auf unserer Windows Plattform arbeiten weltweit über 8 Millionen unabhängige Softwareentwickler. Und um ein Missverständnis zu klären: Open Source Software steht nicht im Widerspruch zu Microsoft. Im Gegenteil: Windows ist das Betriebssystem für das es das größte unabhängige Software-Angebot gibt. Und wer seine ersten Gehversuche als Programmierer machen möchte, empfehle ich die Webseite www.antme.net, wo das spielerisch geht.
TVinfo: Offensichtlich entscheiden über den Erfolg eines Unterhaltungsproduktes nicht nur seine technischen Leistungsmerkmale, sondern auch sein Design und Image. Warum ist Apple so angesagt?
Achim Berg: Apple konzentriert sich auf wenige Modelle und ein kleine Zielgruppe - Unsere Stärke ist im Vergleich die Vielfalt und damit die enorme Wahlfreiheit für den Verbraucher. Das reicht vom kleinen preiswerten Netbook bis zum High-End PC oder Laptop, bei dem in Fragen des Designs oder Leistungsfähigkeit keine Wünsche offen bleiben. Dazu kommt ein überwältigendes Angebot an Programmen und Spielen. Und bei einem Marktanteil von über 90 Prozent von Windowssystemen liegt die Vermutung nahe, dass wir hier offensichtlich auch bei den Kunden angesagt sind.
TVinfo: Drei persönliche Fernseh-Fragen zum Schluss: Welche Fernsehsendung sollte es auch in zehn Jahren noch geben?
Achim Berg: Quarks & Co mit Ranga Yogeshwar, die Tagesthemen und "Dinner for one" an Silvester.
TVinfo: Welche Sendung hat Sie zuletzt nachdenklich gestimmt?
Achim Berg: Vor ein paar Tagen ein Bericht über die Sitzung des Haushaltausschusses, wo es um den Dienstwagen von Ulla Schmidt, das vermeintliche Geburtstagsessen zu Ehren von Herrn Ackermann im Kanzleramt und die umstritten Leiharbeit bei der Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfes im Wirtschaftsministerium ging. Jeder Punkt sicherlich diskussionswürdig - aber war das schon der Höhepunkt des inhaltlichen Wahlkampfes?
TVinfo: Wenn Sie unbedingt die Moderation einer Sendung übernehmen müssten: Welche suchen Sie sich aus?
Achim Berg: "Wer wird Millionär" da lernt man viel - auch was die eigene Charakterfestigkeit im Umgang mit Menschen angeht!
TVinfo: Herr Berg, wir bedanken uns für das Gespräch.
Das Gespräch führten Markus Pins und Michael Schanz.